Energy market insights 

Energie-Strategie 2050 und IT-Strategie

Informationen und Empfehlungen zu den Verordnungsrevisionen zum ersten Massnahmenpaket der Energiestrategie 2050.

by Nicolas Isnard
Expert at ELCA

Die Verordnungsrevisionen, die am 1. Februar 2017 in die Vernehmlassung gegeben wurden, befassen sich mit verschiedenen Themen der Strategie 2050. Für Schweizer Stromversorger sind von den Vernehmlassungsdokumenten der erläuternde Bericht zur Teilrevision der Stromversorgungsverordnung (Bericht 1), der Entwurf der Stromversorgungsverordnung (Vorlage 1) sowie der Entwurf der Energieverordnung (Vorlage 5) von Bedeutung.

 

In diesem Experten-Artikel erläutern wir Ihnen aus unternehmerischer Sicht die wichtigsten Auswirkungen und Herausforderungen und bieten Ihnen konkrete Empfehlungen, so dass Sie die kommenden Veränderungen möglichst gelassen angehen können – so werden die vorgeschlagenen Massnahmen unter anderem dazu führen, dass die Energieversorgungsunternehmen (EVU) ihre Informationssysteme überarbeiten müssen
(Einzelheiten zu den Vorlagen finden Sie hier)

Einsatz intelligente Messsystemen

Der Energiesektor macht grundlegende technologische Fortschritte, darunter die zunehmend dezentrale Energieerzeugung, die Entwicklung individueller Speichersysteme und eine stärkere Elektromobilität. Intelligente Messsysteme bilden die Eckpfeiler der neuen Energiesysteme und ermöglichen es, diese Lösungen zu nutzen und neue Leistungen anzubieten. Zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit des Landes und des diskriminierungsfreien Zugangs zu Informationen sowie zum Schutz sensibler Daten müssen solche technologischen Fortschritte jedoch mit einer Aktualisierung des rechtlichen Rahmenwerks einhergehen.


Die vorgeschlagene Revision der Verordnungen ist eine Reaktion auf diese Notwendigkeit. Sie soll die Grundsätze festlegen, die für intelligente Zähler sowie für deren Finanzierung und Nutzung gelten. Sie befasst sich zudem mit den neuen Möglichkeiten nicht nur der Tarifgestaltung, sondern auch der von diesen Systemen angebotenen Leistungen. Durch das Potenzial dieser intelligenten Systeme ergeben sich insbesondere im Bereich der Datenverwaltung und der Sicherheit neue Herausforderungen.

Neue Tarifgestaltung

Einer der im Revisionsentwurf gemachten Vorschläge bezieht sich auf die Entwicklung der Tarifgestaltung. Die Netznutzungsentgeltsystematik (Kunden mit < 1 kV) bekräftigt den historischen Grenzwert, der einen 70 Prozent nicht-degressiven Arbeitstarifvorschreibt. Die Energieversorgungsunternehmen (EVU) sollen aber eine unterschiedliche Struktur anbieten können, innerhalb derer der variable Anteil des Stromdurchleitungstarifs unter 70 % liegen darf (woraus sich ein fixer Anteil von über 30 % des Stromtransports ergibt). Diese Möglichkeit stützt sich insbesondere auf zwei Vorgaben:

  • Die Leistung muss gemessen werden können.
  • Die Zustimmung des Kunden ist vertraglich zu sichern.

Der erste Punkt stellt auf den ersten Blick kein Problem dar, da der intelligente Zähler die Leistung ständig misst. Der zweite Punkt hat jedoch einige Auswirkungen. Insbesondere muss das EVU den Kunden die neue Tarifgestaltung vermitteln und entsprechende technische und administrative Unterstützung leisten. Es kann sein, dass die regulierte Tätigkeit des EVU sich auf ein Kundenbeziehungsmanagement(CRM)-Tool stützen muss, das den gesamten Kundenmanagementprozess verwaltet – von der ersten Kontaktaufnahme über den Vertragsabschluss bis hin zu Kontakten im Zusammenhang mit Erneuerung, Vertragsaktualisierung und Zugang zum Kundenportal.


Der Revisionsentwurf sieht auch die Möglichkeit vor, dynamische Systeme einzuführen. Intelligente Zähler bieten diese Möglichkeit, die bereits in mehreren europäischen Ländern getestet wurde. Theoretisch stellt die dynamische Tarifgestaltung in mehrfacher Hinsicht einen Mehrwert für die Akteure im Energiebereich (namentlich Kunden, Lieferanten und Netzbetreiber) dar. Sie bedingt aber, dass zahlreiche Funktionen der aktuellen Informatiksysteme überdacht werden müssen. So sind die Tarifstrukturen für den Energieverbrauch zu überdenken, und die gesamte Bearbeitungskette für die Messdaten und die Systeme zur Datenbeschaffung, -verwaltung und -speicherung usw. ist zu ändern. Dies kann grundlegende Änderungen innerhalb der IT-Systeme erfordern.

Verkauf von Flexibilität?

Ein weiterer Vorteil der intelligenten Zähler ist, dass ihre Verwaltung die grösstmögliche Flexibilität der Endkundenanlagen zulässt. Diese Flexibilität ergibt sich beispielsweise aus der Fähigkeit des Endkunden, seinen Verbrauch über das Stromnetz zu erhöhen oder zu senken (indem er beispielsweise eigene Energiespeicherkapazitäten oder lokal erzeugte Energie aus einer Photovoltaikanlage nutzt). Diese Flexibilität muss vom EVU sowohl für die Anforderungen seines eigenen Netzbetriebs als auch für die Anforderungen von anderen Stromversorgern oder Drittdienstleistern gesteuert werden können. Auf jeden Fall muss das EVU die Systemkosten für die Flexibilitätsverwaltung rechtfertigen und die dem Netzbetrieb zuzuordnenden Kosten ermitteln können. Zudem muss es die Tarife für den Zugang von Dritten und die Tarife zur Entschädigung der Kunden, die ihre Flexibilität zur Verfügung stellen, darstellen können. All dies muss transparent und vertretbar sein.


Die Berechnung der Kosten und Tarife im Zusammenhang mit diesen neuen Leistungen stellt eine Herausforderung für die Branche dar. Das effektive Management dieser Flexibilität ist für das EVU sowohl bei der Netzverwaltung als auch hinsichtlich der anderen Akteure, die beispielsweise im Regelenergiemarkt tätig sind, nützlich. Sie erfordert jedoch eine vollständige Rekonfiguration der Verwendung der Verbrauchsdaten.


Insbesondere muss das EVU ein System zur Datenbeschaffung und -verwaltung entwickeln, das auch Dritten zugänglich ist. Solche Akteure können je nach Marktsignalen und eigenen Entscheidungsalgorithmen einen Teil der Netzlast steuern. Die Verwaltung des Netzes wird also komplexer.

  • Das EVU wird über viel mehr Daten verfügen, die bei der Netzsteuerung nützlich sind. Die Vernetzung in Fast-Echtzeit wird differenziertere Spannungsbereiche und geografische Gebiete abdecken.
  • Die externen Signale mehrerer Akteure sind in die Verwaltungs- und Optimierungsmodelle der EVU zu integrieren.

Das Leistungsangebot für die Kunden muss umfangreicher werden: Jeder Kunde muss über ein Multi-Channel-Portal (Computer, Tablet oder Smartphone) im Internet auf seine Verbrauchs-, Rechnungs- und Verlaufsdaten zugreifen können. Dieses Portal muss zwingend eine Schnittstelle zum Verwaltungssystem der intelligenten Zähler aufweisen, mehr oder weniger direkt synchron mit den angebotenen Leistungen.


Um diese neuen Funktionen zu gewährleisten, muss das EVU seine IT-Systeme ausbauen. Im Zentrum dieser Änderungen stehen zwei Elemente: die Verwaltung der Verbrauchsdaten (und somit der Kundendaten) und die Sicherheit der Systeme.

Wo und wie wird sich die digitale Transformation in der Branche auswirken?

Die von diesem Verordnungsentwurf versprochene Entwicklung stellt die Basis eines Rechts- und Regulierungsrahmens dar, auf den die Branchenakteure schon lange warten. Die neuen Bestimmungen legen die Verantwortlichkeiten der EVU ziemlich genau fest. Damit sind der Schutz der Verbraucherdaten und die Sicherheit der Infrastrukturen gewährleistet. Zudem bleiben die bestehenden Vorrechte erhalten.


Langfristig soll aber ein exponentiell wachsendes Datenvolumen verwaltet werden können, das ausreichend gesichert ist, um den Zugang Dritter zu gestatten. Zudem sollen dynamische Tarifsignale und eine Schnittstelle zu «klassischeren» Systemen geschaffen werden, beispielsweise für die Stromabrechnung oder die Netzsteuerung.


Mit den bestehenden Technologien kann diese Komplexität problemlos verwaltet werden. Die Frage ist vor allem, wie und zu welchen Kosten diese digitale Transformation umgesetzt wird.

  • Sind meine IT-Systeme diesen neuen Herausforderungen gewachsen?
  • Wie kann ich meine Systeme zu einer modernen und kompatiblen IT-Architektur weiterentwickeln, die mehr Flexibilität, Reaktivität, Kundennutzen und Datensicherheit bietet?
  • Welche „Baustellen“ muss ich angehen, und welche logische Reihenfolge müssen die Projekte haben, damit ich mein Ziel erreiche und gleichzeitig die Kosten und das Change-Management im Griff habe?
     

Ein pragmatischer und strukturierter Ansatz als Schlüssel zum Erfolg

Dank unserer sektorübergreifenden Erfahrung und unserer Kenntnis der Energiebranche gehen wir bei ELCA diese Herausforderungen mit einem bewährten und pragmatischen Ansatz an. Unsere Empfehlung stützt sich auf drei Säulen:

  • Erarbeitung einer klaren Vision der bestehenden IT-Systeme: Aufgrund ihrer Geschichte und insbesondere der Entwicklungen, die sich aus der teilweisen Marktöffnung ergeben hatten, sahen sich die EVU veranlasst, ihre Abrechnungssysteme mit neuer Software zu ergänzen – dadurch sind die Systeme komplexer geworden. Nachdem fast zehn Jahre lang neue Systeme hinzugefügt und neue Funktionalitäten entwickelt worden sind, drängt sich nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch eine Rationalisierung auf.
  • Bestimmung der künftigen Systemkapazitäten: Welches sind meine strategischen und geschäftlichen Prioritäten? Welche Leistungen möchte ich meinen Kunden und Partnern anbieten? Wie wirken sich diese auf meine Systeme, meine Geschäftsprozesse und die von meinen Mitarbeitenden benutzten Werkzeuge aus? Eine Bestimmung dieser Ziele stellt die entsprechende Ausrichtung der Geschäftsleitungsmitglieder und der betroffenen Geschäftsbereiche sicher und legt den Grundstein für die Veränderung. Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine kohärente und kontrollierte Entwicklung des Unternehmens.
  • Bestimmung des Programms zur Zielerreichung: Da jede Entwicklung schrittweise erfolgen muss, bedingt die digitale Transformation nicht nur eine Priorisierung der Baustellen, sondern auch eine aktive Änderungsverwaltung auf Mitarbeiterebene. Das gesamte Unternehmen muss sich wandeln, um das Leistungsniveau zu bieten, das die Kunden von morgen erwarten.

Nicht zuletzt gilt es, externen Anforderungen in technischer, regulatorischer und geschäftlicher Hinsicht gerecht zu werden. Denn unser Geschäft ist einem steten Wandel unterworfen. Die Frage ist nicht mehr, ob wir etwas verändern müssen, sondern ob wir die Entwicklungen vorwegnehmen und einen Nutzen daraus ziehen möchten – anstatt uns unter technischem, finanziellem oder politischem Druck anzupassen und zu riskieren, einen Teil unserer strategischen Autonomie zu verlieren.

Über ELCA

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